Sorbische Grenzdialekte - sprachlicher Klang am „Grenzübergang“

Elemente aus dem Obersorbischen und dem Niedersorbischen klingen aus den Übergangsdialekten an der sprachlichen Grenze zwischen den beiden selbstständigen Schriftsprachen der Sorben. Von der Energiezentrale und Kreisstadt Senftenberg über die größte Stadt der nördlichen Oberlausitz, Hoyerswerda, bis zur Industriestadt Weißwasser erstreckt sich die Übergangszone zwischen den sorbischen Sprachen. Sorbische Grenzdialekte erklingen von der Festung an einem der größten künstlich angelegten Seen Europas quer durch das Lausitzer Seenland und durch eine braunkohlereiche Heidelandschaft.
Die sorbischen Grenzdialekte sind reich an sprachlichen Variationen und an etymologischen Überraschungen. So wird im Senftenberger Ortsteil Großkoschen eine eher obersorbische Mundart gesprochen, während im dazugehörigen Gemeindeteil Kleinkoschen eine deutliche Anlehnung an das Niedersorbische hörbar wird. In Spreewitz, einem Ortsteil der Gemeinde Spreetal, wird ein dem Obersorbischen zugeordneter Dialekt gepflegt, der in der Wortgrammatik dem Niedersorbischen allerdings näher steht. Der flächengrößte Ortsteil der ostsächsischen Gemeinde Boxberg, Nochten, gehört seit 1454 zur Herrschaft Muskau. Während aber der Muskauer Dialekt auch als ostniedersorbischer Dialekt bezeichnet wird, drängt sich in Nochten eher das Obersorbische in den Vordergrund. Der Muskauer Dialekt in den Kirchspielen Muskau und Gablenz wurde vom russisch-sowjetischen Sprachwissenschaftler Ščerba gar als eine dritte sorbische Sprache gesehen. Eine nahe Verwandtschaft zu dieser „dritten Sprache“ ist im Schleifer Dialekt der sieben Dörfern Trebendorf, Groß Düben, Halbendorf, Mulkwitz, Mühlrose, Schleife und Rohne unüberhörbar.
Die 1891 veröffentlichte „Laut- und Formenlehre der niedersorbischen Sprache“ des Sorabisten Arnošt Muka teilt die sorbischen Grenzdialekte in den östlichen um Schleife, den mittleren um Terpe, den westlichen um Senftenberg und in den Muskauer Dialekt.